Mittwoch, November 22, 2006

L'Art pour l'Art ?

"Ich heisse Chris Buntherr und bin Maler" stellt sich der junge, schlaksige Mann bei der Verwaltung des Kunstmuseums im Büro von Frau Minther vor. Und erläutert dass er sich mit einem Gemälde der Grösse 3 auf 5 Meter an der Ausstellung "Die Welt neu definiert - junge Künstler stellen sich vor" beteiligen will.
Die Mitarbeiterin des Museums zeigt sich nicht sehr beeindruckt und schiebt ihm wortlos einen Zettel mit den Bewerbungsunterlagen hin.
Chris Buntherr liest sich diese mit wachsendem Unmut durch und meint dann: "Ich bin Künstler, und bewerbe mich nicht um eine Banklehre. Wollen Sie alle kreativen Menschen beleidigen ?"
Frau Minther liebt ihre Arbeit in der Verwaltung des Kunstmuseums, aber manche der Künstler behandeln sie doch zu sehr als Inkarnation der spröden, uninspirierten und kalten Welt.
"Wir wollen unseren Besuchern etwas über die Künstler erzählen können. Aber das wichtigste sind doch Referenzen und Proben ihrer Arbeit - in Ihrem Fall also einfach ein paar Fotos ihrer bisherigen Werke."
"Ich verspreche Ihnen, ich werde ein Werk erschaffen das die Welt völlig erklärt, das ein neues Verständnis ermöglicht. Der Betrachter wird davor stehen - und plötzlich verstehen. Vorbei ist die Suche nach dem Sinn, das Streben nach einem Gottesbeweis. Und ihre Ausstellung wird ein Besuchermagnet ohnegleichen."
Der schon vorher sehr gerade und mit erhobenem Kopf stehende Maler scheint noch etwas gewachsen und deklamiert seine Sätze mit strahlendem Blick und ausschweifenden Handbewegungen.
Aber Frau Minther hatte schon so einiges erlebt. "Reichen Sie Bilder ihrer bisherigen Werke und eine zweiseitige Beschreibung ihres Vorhabens ein, sonst kann nicht darüber entschieden werden."
Jetzt wird Chris Buntherr etwas leiser. "Ich habe bisher noch nichts gemalt. Ich war noch nicht so weit, und wollte auch nicht mein Inneres an eine Fingerübung verschwenden. Wenn dann gleich richtig."
Frau Minther schaut den Maler etwas fassungslos an. "Sie haben noch nie gemalt, und wollen für diese Ausstellung ein riesiges Gemälde erstellen. Und sie denken wir würden es dann ausstellen ?" Sie kann sich ein freches Grinsen nicht ganz verkneifen. "Woher wissen Sie dass sie das überhaupt können ? Sie werden staunen wie schwer es am Anfang fällt."
"Aber ich spüre es" wirkt der Künstler jetzt schon sehr verunsichert. "Und woher wollen Sie wissen wie es Malern ergeht ?".
"Ich male selber ein wenig als Hobby. Und es hat gedauert bis mir meine Bilder gefielen. Aber ich traue mich nicht so richtig sie anderen zu zeigen." Dabei zeigt sie auf das hinter ihr an der Wand hängende Gemälde.
Mit offenem Mund starrt Chris Buntherr abwechselnd das Gemälde und Frau Minther an. "Das haben Sie gemalt ? Ich bewundere es schon seit ich hier bei Ihnen bin. Warum verschwenden Sie dann ihr Leben in einem Büro ? Sie sind zur Malerin geboren !"
Frau Minther lächelt. Und findet den Maler ohne Bilder gar nicht mehr so unsympathisch. "Jetzt schmeicheln Sie mir nicht so. Das nützt Ihnen nichts."
Aber Chris Buntherr ist wirklich begeistert. "Sie malen so wie ich es immer können wollte. Stellen Sie doch ein Bild in der Ausstellung aus ! Wenn ich Ihnen irgendwie dabei helfen kann..."
Wenig später standen zwei strahlende Personen am Kaffeeautomat: Eine gerade neu entdeckte Malerin mit dem erweckten Drang ihre Bilder nun auch zu zeigen, und ein neuer Kunstmanager mit der Vision die Welt mit den Bildern seiner Künstler zu erklären.

Montag, November 20, 2006

Verabredung mit dem Zufall im Café

"Schön dass Du heute Zeit hast und wir uns endlich treffen, Meike !"
Meike Patzlow schaut den Mann der an ihrem kleinen runden Tisch im altmodisch eingerichteten Café steht, entgeistert an. Sie hat ihn noch nie gesehen, und sie wollte jetzt in Ruhe nochmal ihren Vortragstext durchgehen.
"Entschuldigung, ich kenne Sie nicht. Und ich bin auch nicht mit Ihnen verabredet."
"Meike" seufzt der Mann, und setzt sich auf den noch freien Stuhl am Tisch. "Ich habe Dich nicht gleich gesehen, aber Deine unglaublichen Augen haben mich wie magisch durch das Lokal geleitet."
Meike Patzlow schaut den Mann näher an. Er sieht attraktiv aus, verwuschelte Frisur, sympathisches Lächeln.
"Sie wirken sehr überzeugend. Aber ich habe mich erst vor einer Viertelstunde entschlossen hierher zu kommen. Und ich muss noch etwas arbeiten." Damit legt Sie das Manuskript mit dem Titel "Zufall und Verabredung - philosophisches Traktat über Begegnungen im Café" auf den Tisch.
"Ludwig Witter" stellt sich nun endlich der ungebetene, aber gar nicht mehr so unwillkommene Gast vor. "Vor dem Arbeiten muss man sich stärken." Und damit winkt er die Kellnerin heran um sich die Kuchenauswahl erläutern zu lassen.
Während Meike Patzlow wenig später ein riesiges Stück Linzer Torte verspeist, versucht sie mit dem Astrophysiker Ludwig Witter eine Verbindung zwischen Milchkaffee, österreichischen Torten und Wurmlöchern zu ziehen. Und langsam beschleicht sie die Ahnung dass Sie vielleicht doch in einem metaphysischen Sinne verabredet waren. Und dass ihr Vortrag stark überarbeitet werden muss.

Inspiriert durch den Satz "Ja, vielleicht ist wirklich jede zufällige Begegnung in Wahrheit eine Verabredung !" in Selige Zeiten, brüchige Welt von Robert Menasse.

Freitag, November 17, 2006

Gedanken sind frei

Frau Lisa Schönmeier sitzt in der Straßenbahn. Die silbernen Ohrringe mit den schwarzen Perlen werden durch silberfarbene Kopfhörer stilvoll ergänzt. Konzentriert lauscht Sie auf die nur für sie hörbaren Klänge. Ab und zu fixiert sie einen Mitreisenden, stellt an ihrem flachen, einem i-Pod ähnlichen Gerät etwas ein und sitzt dann wieder in sich versunken da.
"Was hören Sie da" fragt ihr Gegenüber,Kevin Mutzner, die Gelegenheit nutzend mit der attraktiven Mitdreissigerin ins Gespräch zu kommen.
"Das ist ein Gerät zum Gedankenlesen. Ich höre mir gerne die Gedanken der Fahrgäste an".
"Sehr gute Idee" meint ihr Mitpassagier. "Zum Glück habe ich meine Abschirmbrille auf" und rückt die im Haar sitzende Sonnenbrille zurecht.
"Die nützt aber bei meinem Gerät offensichtlich nichts. Und deswegen müssen Sie es erst gar nicht weiter versuchen. Noch eine gute Reise."
Damit richtet Frau Schönmeier ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Fahrgast, und versinkt dann wieder in tiefer Konzentration.
Kevin Mutzner ist verärgert. Die Abfuhr war sehr kreativ, dass muß er zugeben. Aber sich von dieser Zicke so etwas anhören zu müssen. Dabei sieht sie gar nicht so gut aus.
Lisa Schönmeier hebt den Kopf und wirft ihrem Gegenüber mit verärgerter Miene einen eiskalten Blick zu. Der zuckt zusammen und läuft rot an, während seine Beobachterin zu lächeln beginnt.

Donnerstag, November 16, 2006

Elefantöser Gottesbeweis

Herr Steinbrenner legte eine Vollbremsung hin. Es war früh am Morgen, er war auf dem Weg zur Arbeit. Wie immer fuhr er - noch nicht ganz wach - durch ein Wohngebiet. Und da stand der Elefant auf der Fahrbahn.
Herr Steinbrenner kurbelte das Fenster herunter, spürte die kalte Luft, klatschte fest in die Hände um zu überprüfen ob er sich nicht in einem Traum befände. Er fand aber keine näheren Hinweise.
Stand dann dieser verärgerte Elefant auf der Straße weil er sich gestern gebenüber seinem Sohn über Benjamin Blümchen lustig gemacht hatte ? Elefanten sollen ja telepathisch begabt sein. Und dann hatte er einem Kollegen gesagt er benehme sich wie ein Elefant im Porzellanladen.
Bei diesen Gedanken begann Herr Steinbrenner etwas zu zittern. Der Elefant starrte ihn unentwegt an.
Und hatte er sich nicht auch über Ganesha den Elefantengott amüsiert ? Wie man sich solche Gottheiten ausdenken könne ?
"Vergib mir Ganesha ! Ich habe nicht an Dich geglaubt. Aber jetzt hast Du mir bewiesen dass Du existierst !" begann Herr Steinbrenner den Elefanten anzubeten.
Ein Lastwagen mit der Aufschrift "Circus Pastelli" kam aus der Gegenrichtung angefahren und hielt hinter dem Elefanten. Vier Männer stürzten heraus und führten den kleinen indischen Elefanten in den Wagen. Kurz bevor er die Rampe hochstieg schien er Herrn Steinbrenner zuzuzwinkern.
Herr Steinbrenner saß noch eine ganze Weile regungslos im Auto. Sein Leben hatte sich geändert.

Dienstag, November 14, 2006

Der Kunde ist König. Nein - Graf.

Es ist ein trüber, dunkler Herbstabend, kurz vor Geschäftsschluß. Der Angestellte der "Schuhreparatur. Schlüsselservice. Schnell und preiswert." räumt die Regale auf und schaut immer wieder sehnsüchtig auf die Uhr. Da tritt ein schwarzgekleideter Mann in den Laden. Er hat langes strähniges schwarzes Haar und ein fahles Gesicht - die Grippe denkt sich der Angestellte und fragt höflich nach dem Begehr.
"Können Sie mir diesen Schlüssel nachmachen ?" bittet der Kunde und legt einen großen massiven Schlüssel auf die Ladentheke.
"Das ist ja eine Antiquität ! In dieser Größe kann ich hier keine Duplikate herstellen."
"Aber wie soll ich dann einen Zweitschlüssel für mein Schloß bekommen ?"
Der Angestellte schaut den Kunden etwas fragend an, meint dann aber:
"Der Schlüssel ist zwar groß, aber primitiv. Wenn sie noch etwas warten kann ich sie mit nach Hause in meine Werkstatt nehmen, dann habe ich das schnell."
Und so fährt Herr Kulardi mit seinem Kunden, der sich als Graf Arthur von Drachenstein vorgestellt hatte in seinem VW 1600 nach Hause. Ihm fröstelt leicht, sein Fahrgast hat eine unheimliche Ausstrahlung, ist sonst aber sehr freundlich und erzählt spannende Geschichten über Fledermäuse.
In seiner Werkstatt, eine mit Motorrädern in verschiedenstem Zustand zugestellte Garage, schweißt und biegt er auf der Werkbank am hinteren Ende schnell einen geeigneten Schlüssel zusammen. Zwar nicht schön aussehend, aber funktional.
"Wissen Sie, wenn meine Freundin zu mir zieht braucht sie natürlich einen Schlüssel" erklärt der Graf und gibt Herrn Kulardi als Dank eine Goldmünze die wie der Schlüssel sehr alt aussieht.
Dann erklärt er noch es sei nicht nötig ihn irgendwo hinzufahren, verläßt die Garage und ist spurlos in der Nacht verschwunden.
Herr Kulardi betrachtet die Goldmünze. Wahrscheinlich hat er nur zu viel Phantasie. Und zu viele Filme gesehen. Aber vielleicht hat er auch einem Vampir ein glückliches Leben ermöglicht.

Montag, November 13, 2006

Das Hause, der Schneck, Lebbe

Es war so angenehm zuhause. Eine optimal angepaßte Umgebung. Sozusagen auf den Körper maßgeschneidert. Wunderbar um einfach träge zu existieren.
Das ganze da draußen vergessen. Nichts mitbekommen von den schrecklichen Dingen die in der Welt passieren. Nicht aufpassen müssen. Nicht auf Einflüsse reagieren. Nur sein.
Auf Dauer dann vielleicht doch nicht genug. Es soll ja Mönche geben die genau so leben. Aber das muss man können.
Es fehlt der Austausch mit anderen. Neue Impulse bekommen. Selber etwas bewegen. Etwas weitergeben. Also wirklich leben.
Entschlossen streckt die Schnecke ihren Kopf aus dem Haus. Schon viel besser.

Freitag, November 10, 2006

Spirituelles Handgepäck

Eine lange Schlange an der Sicherheitskontrolle des Flughafens. Geschäftsleute, Familien auf dem Weg in den Urlaub. Allgemeine Unruhe, nervöse Blicke auf die Uhr, Protestäußerungen.
In der Schlange ein asiatisch aussehender Mann mit weißer Mönchskutte. Stoisch in der Schlange stehend. In den Händen hält er einen verschlossenen Tonkrug.
Schließlich steht er an der Kontrolle.
"Flüssigkeiten können Sie nicht mit an Bord nehmen. Geben Sie den Behälter bitte ab."
"Dieses Behältnis transportiert nichts irdisches" erwidert der Mönch mit weicher Stimme und leichtem Akzent.
"Dann öffnen Sie bitte den Behälter" fordert der Mann vom Sicherheitspersonal.
"Das kann ich nicht, dann entweicht es."
Der Mann in Uniform wird nervös: "Gas ? Ich rufe Verstärkung."
Aber die beruhigende Stimme wirkt:" Nein, das Gefäß ist angefüllt mit spirituellem Inhalt."
"Tut mir leid, wenn ich es nicht kontrollieren kann dürfen sie es nicht mitnehmen."
Die anderen Mitwartenden beginnen schon laut zu protestieren, "was macht der Spinner da", "darf so einer überhaupt alleine reisen" sind ein paar der Bemerkungen.
Bei dem völlig gefaßt und ruhig wirkendem Mönch ist eine leichte Verzweiflung zu spüren. Er klammert sich fest an den Tonkrug und schaut um sich, auf Rettung wartend. Die kommt von hinten.
"Sie wollen also einen Geist transportieren, dürfen aber kein Gefäß mit ins Flugzeug nehmen ?" erschallt eine laute Stimme mit australischem Akzent.
Der Mönch schaut sich um. Ein kräftiger Mann, gekleidet wie für das Outback, mit riesigem Hut. "Das ist kein Geist..."
"Sie wollen nach Bangkok ? Da fliege ich auch hin. Ich könnte ihr Phantom unter dem Hut mitnehmen."
Der Mönch denkt kurz nach und ist begeistert. So kann nichts entweichen !
Der Australier kniet sich nieder, der Mönche öffnet das Gefäß und füllt den nicht wahrnehmbaren Inhalt unter den Hut. Dabei versucht er den Australier zu beruhigen: "Das ist völlig harmlos. Gute und glückliche Ideen, Erfahrung..."
"Mir macht das nichts. Bei uns gibt es so manches seltsames da draußen."
Der Mönch strahlt. Fehlt es dem spontanen Helfer an Würde und Respekt vor dem Spirituellen, so hat er doch ein gutes Herz, einen wachen Geist und ist offen für das Immaterielle. Im Gegensatz zu den anderen Menschen in der Schlange.
Wenig später sieht man ein erstaunliches Paar tief in ein Gespräch versunken beim Gate an der Bar sitzen - vor sich einen Tee und ein Bier.

Donnerstag, November 09, 2006

Die Macht der Musik

Das waren die bitteren Momente in seinem Beruf. Wenn er an den Rand des Saales gedrängt an seinem Synthesizer stand und Schlager aus den sechziger Jahren sang, die Gäste sich aber sehr gut unterhalten, essen oder sich langweilen - genau so als wäre er gar nicht anwesend.
Natürlich trauert er der alten Zeit hinterher. Als er mit seiner Band auf Dorffesten oder in Festsälen auftrat. Dort bewegte er die Menschen, brachte Einzelwesen zueinander - er war für diese Momente wie ein Gott, der das Schicksal der Tänzer anstieß. Und dann von der Bühne das ganze Leben in einen Saal gedrängt beobachten konnte: Annäherung, Verführung, Liebe, Entfremdung, Gleichgültigkeit...
Nachdem nun überall DJs Einzug gehalten haben wurden solche Bands nicht mehr gebraucht. Höchstens noch Alleinunterhalter für Kreise, die bei einem DJ vielleicht doch die Nase rümpfen würden.
Gerade hat er ein schönes Lied aus den zwanziger Jahren intoniert, und wieder hat sich nichts getan. Er rückte das Schild mit seinem dämlichen Künstlernamen Joe Roseman zurecht. Den hatte er sich vor 30 Jahren gewählt weil er dachte dann könnte etwas aus Jochen Rossmann werden.
Aus der großen Karriere wurde natürlich nichts, aber als Musiker war er dennoch glücklich. Außer bei Auftritten wie diesem. An denen auch die Gäste nicht ganz freiwillig da waren. Ein Empfang, ein Firmenfest, ein Veranstaltung bei der man gesehen werden muss.
Wenn aber keiner zuhört, dann kann er doch auch mal etwas anderes machen. Auch wenn er sich in seiner langer Karriere bisher immer zumindest grob an die Vorgaben des Veranstalters gehalten hat. Aber warum eigentlich ? Und genauso unauffällig wie bisher beginnt er Going Underground von the Jam zu spielen. Und da nimmt er Veränderungen war. Ein paar Köpfe drehen sich kurz zu ihm hin. Dort beginnt ein hochhackiger Fuß unter der Tischdecke zu wackeln. Am Nebentisch schlägt eine Kuchengabel im Takt auf den übriggebliebenen Sahneklecks. Zwei Blicke treffen sich.
Das ist doch kein verlorener Tag denkt sich Jochen Rossmann und beginnt als nächstes London Calling zu spielen, da er schon den Veranstalter mit irritiertem Gesicht auf sich zukommen sieht.

Inspiriert durch den Film "Quand j'étais chanteur" mit Gérard Depardieu und Cécile de France. Hoffentlich bald auch in deutschen Kinos.

Mittwoch, November 08, 2006

Herbstfarben

Herbst. Zeit der bunt leuchtenden Laubbäume. Herr Wiedner steht am Ende der schmalen Straße in der Vorstadtsiedlung und blickt über die Gärten. Es ist eindeutig. Er hat die schönsten Bäume in seinem Garten stehen., auch wenn sie noch ziemlich klein sind.
Schon als Kind hat er begeistert die bunten Blätter gesammelt, war enttäuscht wie sie immer schnell Farbe und Glanz verloren. Hat dann langsam verstanden dass die Blätter an den Bäumen bewundert werden müssen. Die Faszination liess aber nie nach.
Als Student hat er dann den Herbst weltweit genossen, Indian Summer, oder den verschobenen Herbst auf der Südhalbkugel.
Nun als Rentner hat er sich der Aufgabe gewidmet die schönen Farben selbst zu erschaffen. Hat sich mit deren Züchtung beschäftigt. Mit Baumpflege. Und was so alles dazugehört. Und nun sieht es das Ergebnis.
Als er stolz seine Erfahrungen im Gärtnerverein präsentieren wollte wurde er nur ausgelacht: Die Färbung der Blätter sei wegen der Bodenbeschaffenheit, der Nährstoffversorgung und des Klimas so wie sie ist. Und nicht wegen Züchtung.
Seine Farben haben aber alle verblüfft. Dann sind die Spezialisten bis aus der Universität gekommen und haben ganz genau studiert wie er düngt, gießt, fönt, bestrahlt, berieselt und anbläst. Haben sogar einen langen Artikel über seine Methode geschrieben.
Sie haben nichts kapiert, denkt er sich. Er will nur dass es seine Bäume gut haben. Die Farben aber züchtet er.
Zufrieden schlendert er die Straße entlang, magisch angezogen von den weithin leuchtenden Blättern.

Dienstag, November 07, 2006

Global und individuell

Eine Bäckerei an der Strassenecke. Eine ältere Frau bestellt: "Und wie immer ein Stück der hausgemachten Mohntorte, Frau Eberdinger."
Der neben ihr stehende junge Mann im Schlabberlook der frühen neunziger Jahre lacht höhnisch und meint: "Sie meinen die aufgebackene Torte aus der Produktion eines weißrussischen Gebäckfabrikanten !".
"Hier ist alles selbstgemacht. Wir sind eine echte Bäckerei im Familienbesitz. Ohne Filialen." widerspricht die Verkäuferin Frau Eberdinger stolz.
"Das ist ein tolles Werbekonzept. Aber sie benutzen sicher die gleichen Teigrohlinge wie der Schnellbäcker nebenan."
Bevor die indignierte Verkäuferin antworten kann erwidert die Kundin: "Junger Mann, sie haben keine Ahnung. Ich habe diese Torte schon bei Frau Hirmle senior gekauft als es Weißrussland noch gar nicht gab. Und auch noch keinen schrecklichen Plastikbäcker. Jetzt stellen sie sich erstmal vor."
Der junge Mann hat seinen festen Ansichten. Die er zum Teil auch als Buttons auf seinem abgenutzten Parka trägt. Seine Selbstsicherheit hat aber etwas gelitten. "Ich bin Herr Boost, Frau..."
"Frau Brettschneider, angenehm." antwortet die alte Dame mit einem angedeuteten Knicks.
Herr Boost sammelt sich. "Die Bäckerei wäre gar nicht konkurrenzfähig wenn sie die Kuchen noch selber herstellen würde."
Da mischt sich wieder Frau Eberdinger, geborene Hirmle ein. "Jetzt werde ich ihnen ein Geheimnis verraten dass selbst Frau Brettschneider noch nicht kennt: Ich backe extra einen einzelnen Kuchen mit besonders wenig Mohn, da Frau Brettschneider ihren Mohnkuchen so lieber mag. Und den hebe ich ihr auf, schauen sie hier."
Der junge Mann ist beeindruckt, auch wenn er sich mit Mohnkuchen nicht so recht auskennt. Seine kurze Verunsicherung ausnützend gibt Frau Eberdinger ihm auch noch ein pain au chocolat zum Probieren. Widerwillig muß er sich eingestehen dass das wirklich viel besser schmeckt als die labbrigen geschmacklosen Varianten beim Schnellbäcker.
Frau Brettschneider muß sich sehr zusammenreißen wie schon lange nicht mehr und prustet erst an der nächsten Kreuzung laut los. Einen Kuchen extra für sie backen ! Die Jugend läßt sich schnell einen Bären aufbinden. Wo doch jeder weiß dass sie immer einen Kuchen mit extra viel Mohn nehmen würde.
Als Herr Boost mit zwei großen Tüten an ihr vorübereilt schmettert sie ihm außer Puste aber über das ganze Gesicht strahlend ein "guten Appetit" nach. Und Herr Boost ahnt schon dass er auch morgen wieder in der Bäckerei stehen und sich von Frau Eberdinger Gebäck empfehlen lassen wird.

Freitag, November 03, 2006

Die Arie des Alexandro

Der Vogelfänger geht durch die Innenstadt. Nein so nüchtern kann das nicht beschrieben werden. Er macht einen Sprung hier, ein paar Trippelschritte hier, tänzelt um die verblüfften Einkäufer herum.
Er bewegt sich zu einer Melodie die nur er hört. Alexandro hat aber kein Federkleid an, und denkt auch nicht an ein Lied von Mozart. Ihm geht ein Stück von den Hidden Cameras durch den Kopf, außerdem trägt er ein extravagantes Ensemble von Gautier.
In einer Großstadt Vögel fangen zu wollen ist kein motivierendes Unterfangen. Ohne jegliche Mühe könnte er ganze Taubenschwärme einsperren, aber an diesen hässlichen Tieren hat er kein Interesse. Auch Spatzen sind nicht besonders interessant. Ab und zu ist eine Blaumeise oder eine Elster zu entdecken, alles aber keine Herausforderung.
Er ist aus einem besonderen Grund in der Stadt: Weil er über ein neues Leben nachdenkt. Und weil er im Wald auf der Suche nach Mädchen nicht sehr erfolgreich ist. Ab und zu rauscht eine Mountainbikerin vorbei - Alexandro kann sich manchmal nur durch einen Sprung retten. Keuchende Joggerinnen sind auch noch anzutreffen, aber Prinzessinnen hat er noch nie gesehen.
"Es ist halt nicht mehr so einfach wie bei meinem berühmten Vorfahren" denkt sich Alexandro, "Leben in einer abgeschlossenen Gegend, Stammkunden die das Auskommen sichern. Die neuen Abenteuer warten in der Stadt. Aber mit Optimismus kann man immer noch alles erreichen."
Alexandro hat das Café erreicht in dem er über den Winter als Bedienung arbeiten wird. Er mustert die Gäste. Auch wenn er den traditionellen Beruf erstmal nicht weiter ausübt, sein Vorfahre wäre mit dieser Wahl sicher einverstanden.

Montag, Oktober 30, 2006

Die Kraft der Imagniation

In der S-Bahn fühlt sich Frau Weber immer dann besonders unwohl wenn die Tunnel der Innenstadt kein Ende nehmen wollen. Welch ein Unding die Sicht zu verhindern und die Menschen in den Untergrund zu verbannen !
Allerdings ist sie nicht umsonst Spezialistin für Meditation und Bildfindung. Und so versetzt sie sich in eine schöne Landschaft: Der Zug durchquert herbstliche Wiesen, im Hintergrund Hügel auf denen Bäume das gesamte Farbspektrum zwischen gelb, rot und braun ausgiebig feiern. Sie fühlt sich gleich richtig wohl, kann die Natur fast spüren.
Plötzlich schreckt Frau Weber hoch. Ist sie etwa eingeschlafen ? Ihr Blick schweift nach draußen: Eine wunderbare Landschaft, wie sie eine vor sich gesehen hatte ! Der Blick auf die Anzeige im Waggon: Da ist sie ja viel zu weit gefahren.
Die Imagination hat aber funktioniert: Sie ist da wo sie sich hingeträumt hat.

Uhr bremsen, Zeit gewinnen ?

Der Tag vergeht wieder viel zu langsam. Eine Besprechung zum aktuellen Projekt. Vollgefüllt mit Worthülsen.
Herr Weinbrecher versucht sich vorzustellen er schaue im Fernsehen eine Satire über Projektarbeit, sozusagen Stromberg plus. Das erheitert ihn einige Zeit, zeigt aber auch um so mehr die Sinnlosigkeit der Ganzen. Erst 20 Minuten überstanden. Irgendwie vergeht die Zeit zu langsam.
Er schaut aus dem Fenster. Ein Vogel fliegt vorbei. Sehr langsam - wie in Zeitlupe. Ein schön gefärbtes Blatt bewegt sich im Wind - steht dabei aber fast still.
Herr Weinbrecher stutzt. Kann es sein dass hier die Zeit anders läuft ? Das er in 2 Stunden Außenzeit und zwei Stunden auf seiner Uhr hier mindestens vier Stunden Besprechung durchlebt ? Woran kann das liegen ?
Als begeisterter Leser von Science-Fiction kommen ihm natürlich die richtigen Ideen. Wird in dem Gebäude eine eigene Zeit generiert, um mehr Arbeit in die gleiche Zeit zu bringen ? Ist dass das Geheimnis der hohen Gewinne des Unternehmens ? Und warum er sich nach einem 9-Stunden Tag so furchtbar ausgelaugt vorkommt ?
Und wo könnte das Gerät dazu sein ? Natürlich im Keller.
Berauscht von seinen Gedanken entschuldigt er sich, geht aber nicht zur Toillette sondern fährt mit dem Aufzug in das unterste Kellergeschoß. Ihm ist dort immer schon die riesige Stahltür aufgefallen. Ein elektronisches Codeschloß an der Wand, daneben ein Feuermelder.
"Gewußt wie" denkt sich Herr Weinbrecher und betätigt den Feuermelder. Wie gehofft entriegelt sich die Tür und unter nervtötendem Alarmsignalen betritt Herr Steinbrecher einen riesigen Saal voller seltsamer Maschinen. Jetzt fühlt er sich wie ein Held seiner Lieblingsromane, der das Böse aufhalten muss. Er läuft durch die Gänge, drückt überall die Notausknöpfe. Eine Maschine nach der anderen schaltet sich mit einem letzten Blinken ab.
Dann läuft er über das Treppenhaus ins Freie und mischt sich unauffällig zwischen die sich wegen des Feueralarms dort allmählich einfindenden Kollegen. Wie ein aufkommender Wind fegt ein Rauschen durch die gleich einer Pinguinkolonie versammelten Menge von Angestellten: Die EDV sei ausgefallen, vielleicht wichtige Daten verloren, das Unternehmen gefährdet.
Herr Weinbrecher nimmt das nicht wahr, er fragt sich ob er jetzt die Angestellten vor der bösen Macht gerettet hat und ob die Besprechung bei ihrer Fortsetzung wirklich in Normalzeit verläuft.

Donnerstag, Oktober 26, 2006

Es fährt ein Bus nach...

Montag vormittag im Bus der aus der östlichen Innenstadt Richtung Stadtmitte fährt. Eine Mischung aus Passagieren auf dem Weg zur Arbeit, frühen Einkäufern, späten Schülern. Die Fahrgäste starren vor sich hin, lehnen zusammengekauert am Fenster um sich noch ein paar Minuten Schlaf zu erobern, führen sich die neuesten Klingeltöne vor.
Plötzlich die Durchsage des Busfahrers: "Wie wäre es wenn wir woanders hin fahren ? Hamburg, Paris, Wien, Nizza..."
Teilweise ein langsames Kopfheben, Tuscheln, insgesamt aber keine merkliche Reaktion.
Der Busfahrer bremst, steht auf und ruft in den Bus: "Wer ist für Hamburg ? Wer ist für Paris ?". Zwei Schüler melden sich mit unterdrücktem Kichern, etliche Fahrgäste starren aus dem Fenster, manche schütteln den Kopf und schauen ihren Sitznachbarn vielsagend an. Ein Mann im Anzug ruft: "Fahren Sie endlich, ich habe einen Termin !"
Der Busfahrer dreht sich wieder um, setzt sich und startet den Bus. Ein Bus voller abgestumpfter Fahrgäste. Ein Bus ohne Hoffnung und Freude. Wohin soll er jetzt fahren ? Zur nächsten Haltestelle ? Oder soll er diesen verlorenen Menschen etwas gutes tun ? Er würde jetzt gerne nach Nizza.

Mittwoch, Oktober 25, 2006

Wer schenkt uns den Morgenhimmel

An diesem Morgen erwachte Kiriakos Loupetis in besonders guter Stimmung. Er wußte sogleich, heute nacht hat er ein besonders eindrucksvolles Kunstwerk geschaffen, vergänglich wie alle anderen Kreationen seines Œuvres. Im Moment war aber noch nichts davon zu sehen. Er frühstückte mit seiner Frau die nichts von seinen schlafend vollbrachten Meisterleistungen ahnte, und machte sich auf den Weg in die Arbeit.
Als eine halbe Stunde später langsam die Sonne aufging bestätigte ihn der Blick aus dem Fenster. Die mit weichem Schwung auf die Himmelsleinwand gemalten Wolken leuchteten hellrot im frühen Morgenlicht. Eine Mischung aus Wellen, Watte, Schaum und geometrischen Verwerfungen. Und natürlich kein starres Gemälde, sondern alles in Bewegung, in stetiger Änderung.
Während er sich einen Kaffee vom Automaten holte dachte er darüber nach dass heute sicher wieder viele Leute bewundernd auf den Himmel schauen werden. Und auf so verrückte Dinge kommen wie dass dies ein meteorologisches, physikalisches Phänomen sei. Dabei liegt es auf der Hand sagte er sich, dass dies nur von Göttern geschaffen werden kann. Und in dieser künstlerisch herausragenden Gestaltung nur von griechischen Göttern. Auch wenn diese nicht mehr alle im Olymp zusammengepfercht wohnen sondern über die ganze Welt verteilt sind.
In seiner Rolle als Gestalter des Morgenhimmels fühlte er sich richtig wohl. Aber er hätte nur mal gerne andere Götter kennengelernt. Georgius Tsiliakas, den freundlichen Mann hinter der Theke des Tabak- und Zeitschriftenkiosks hatte er schon länger in Verdacht. Vielleicht sollte er ihn einfach mal auf einen Kaffee einladen.
Zufrieden kehrte er an seinen Schreibtisch zurück. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen dass man anderen Menschen eine Freude macht, ihren Morgen verzaubert, ohne irgendetwas dafür zu erwarten.

Dienstag, Oktober 24, 2006

Auf dem Markt eine Portion Glück kaufen

Auf dem kleinen esoterisch angehauchten Markt hat sich eine bunte Gruppe von Anbietern versammelt. Numerologische Lebensberatung, Filztaschen, ein Reki-Institut, Bachblüten-Produkte, Modeschmuck - und ein kleiner Stand mit der Überschrift Glück. Nicht professionell aufgemacht, sondern ein handgeschriebenes Plakat, geschmückt mit bunten Tüchern. Auf dem kleinen Tisch zwei Blumensträuße, altmodische Bilderbücher.
Die meisten Besucher laufen nach einem kurzen Blick weiter: Keine Flyer, keine Bonbons zum Mitnehmen. Keine persönliche Ansprache durch adrettes Standpersonal.
Nur wenige lesen sich das Plakat durch, das dazu auffordert sein Glück durch kleine, schöne Dinge auf die Sprünge zu helfen und bei näherem Interesse die Frau mit dem schwarzen langen Rock und der roten Jacke am Kaffeestand anzusprechen.
Und diejenigen die es machen sind schnell der Meinung dass Marianne Schiltbeck wohl eine der wenigen Aussteller war die ihr Produkt auch überzeugend vorlebt. Völlig entspannt erklärt sie ihre Glücksphilosophie, trinkt dabei immer wieder einen Schluck Milchkaffee und ißt einen Keks. Aber alle Interessenten müssen sich diesmal vertrösten lassen: Sie fühle sich gerade so ausgeglichen, sie wolle sich nicht mit Aufträgen beschäftigen. Sie sollen doch in einer Woche wieder auf dem Markt vorbeikommen.
Dies war ehrlich aus dem Inneren gemeint, aber dennoch die beste Werbung - jeder der so Vertrösteten wird wiederkommen und die Fähigkeiten von Frau Schiltbeck in Anspruch nehmen,

Montag, Oktober 23, 2006

Das Leben am Fluss

Eine sehr belebte Innenstadt. Die Einkäufer mit den großen, vollen Tüten treffen auf die bummelnden Spaziergänger. Überall Restautants und Kneipen vor denen Gäste sitzen, den lauen Herbsttag genießen und die Passanten begutachten. Man spürt die glückliche, städtische Welt von wohlhabenden Bürgern.
Plötzlich ist eine leichte atmospärische Störung zu spüren. Ein verwahrlost aussehender Mann, in Fetzen gekleidet, die bei näherer Betrachtung als Felle zu erkennen sind, mit einem langen, fülligem Bart kommt durch die belebte Strasse gelaufen und ruft: "Wo sind meine Schafe ? Haben Sie meine Schafe gesehen ?".
Die Passanten wenden sich ab, vermeiden den Blickkontakt. Als der Mann sich dem Außenbereich eines etwas nobleren italienischen Lokals nähert springen sofort zwei Kellner herbei, packen ihn an den Armen und ziehen ihn etwas unsanft am Lokal vorbei.
Erschöpft und enttäuscht lehnt sich der Mann an eine Straßenlaterne. Plötzlich wird er von einem Mann mit weißem Trainingsanzug angesprochen. "Können Sie mir helfen ? Ich bin anerkannter Spezialist für Obertongesang und Muschelmeditation, halte in einer Stunde meinen nächsten Kurs. Ich suche immer noch die richtige Verbindung zur Natur. Und Sie sehen mir so aus. Ich bin der Ben".
Der Mann schaut erst etwas sprachlos und erwidert dann: "Angenehm. Volker. Ich suche meine Schafe."
Jetzt ist es an Ben sprachlos zu sein: "Ich habe sofort gespürt dass Sie ein Mann der Natur sind. Aber gleich Schäfer ? Und warum suchen Sie Ihre Schafe in der Fußgängerzone ?"
Volker schmunzelt etwas. "Das ist nicht so wörtlich zu nehmen ! Ich habe keine Tiere. Aber ich suche die über die ich wachen sollte. Die auf die ich die vielen Jahre nicht gut genug aufgepaßt habe. Die ich enttäuscht habe." Dabei trübt sich seine Miene zunehmend ein, das Lächeln verschwindet.
Jetzt ist es an Ben seine professionellen Talente zu versuchen. "Es hilft nicht in die Vergangenheit zu schauen. Das hier und jetzt zählt. Erst völlig Loslassen, und dann neu Sammeln. Zu genießen wagen"
"So erzählen Sie das sicher in Ihren Kursen den konsumgeschädigten, orientierungslosen Städtern. Das müssen Sie bei mir nicht ausprobieren."
Aber Ben ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Schließlich ist er von sich überzeugt.
"Kennen Sie diese Stadt ?" fragt er. Und als Volker den Kopf schüttelt meint Ben "Dann habe ich etwas für Sie, kommen Sie mit".
Und während Ben ein paar Stunden später verzweifelt versucht interessierten aber nicht besonders konzentrierten Kursteilnehmern einen Oberton zu entlocken sitzt Volker auf einer Bank auf der Rheinpromenade, blickt über den breiten, stark befahrenen Fluß auf die dort grasende Schafsherde und fühlt dass an dem hier und jetzt wohl etwas dran sein muss. Und dass Ben wirklich etwas vom Leben versteht. Und er freut sich schon ihn später wieder hier am Ufer zu treffen.

Donnerstag, Oktober 19, 2006

Protestäußerung. Floristisch.

Eine enge, malerische Landstraße windet sich durch eine hügelige Landschaft in Cornwall. Oft von einer Hecke begrenzt, teilweise Rhododendron.
Lord Sauterbridge jagt seinen Aston Martin gerne über diese Strecke von seinem kleinen Schlößchen in jahrhundertelangem Familienbesitz zur Anwaltskanzlei in der nahen Kleinstadt. Er läßt sich dort als Inhaber täglich blicken - um den guten Kaffee zu trinken, gepflegt zu plaudern und mit den beiden neuen, hübschen und sehr jungen Büroangestellten zu flirten, die bei seinen doch immer sehr diskreten und eines Lords würdigen Komplimenten leicht erröten.
Die direkte Strecke zur Kanzlei wäre kürzer und schneller, aber Lord Sauterbridge liebt das Autofahren, sein Auto offen durch die Kurven zu zirkeln, die Reifen quietschen zu hören.
Gerade jagt er wieder einen leichten Anstieg auf eine Kuppe hoch. Oben begrenzt links ein alter Wachturm und rechts ein uralter Baum die Straße. Die letzten Tage kam ihm die Durchfahrt immer enger vor, vielleicht sollte er noch mehr ausspannen, oder vielleicht braucht er auch eine Brille. Er visiert die Engstelle an - und legt eine Vollbremsung hin. Der Baum steht mitten auf der Straße.
Ich habe einen Gehirntumor der auf das Sehzentrum drückt denkt sich der Lord bevor er sich selber zur Ordnung ruft. Panik nützt gar nichts. Die Sachlage analysieren. Der Baum hat sich mindestens vier Meter auf die Straße bewegt. Kommt so etwas öfters vor ? Nein. Obwohl...
Plötzlich fallen Lord Saunderbridge wieder die alten Geschichten seines Kindermädchens ein, über seltsame Vorgänge in Dartmoor, Bäume die eine Eisenbahnstrecke blockierten, den Bau eines Schlosses verhinderten.
Ich rase hier wirklich völlig unnötig durch die schöne Natur muß der Lord sich eingestehen. Und wenn ein Baum dagegen einschreitet muß es sehr störend sein.
Er wendet seinen Wagen, um ab jetzt nur noch die direkte Strecke zu fahren. Außerdem beschließt er sein Kindermädchen Miss Hendergrass gleich morgen im Seniorenwohnsitz in Torquay zu besuchen.
Als er in der Kanzlei angekommen von seinem Erlebnis berichtet verrät natürlich keiner der Zuhörer was er wirklich denkt. Und seine beiden neuen Angestellten hoffen daß die von ihnen soeben bei ihrem Chef entdeckte Exzentrik und Verschrobenheit zusammen mit seinem Charme die Arbeit in der Kanzlei noch interessanter und angenehmer macht.

Mittwoch, Oktober 18, 2006

Nicht suchen, gefunden werden

Die Schuhverkäuferin Frau Li stürmt auf die Kundin im Kaufhaus zu. "Kann ich Ihnen behilflich sein ? Suchen sie etwas bestimmtes ?".
Die Kundin, Frau Berger, eine Mitdreissigerin in schickem Bürooutfit, fühlt sich völlig überrumpelt. Sie hat sich inzwischen so daran gewöhnt in Kaufhäusern das Personal nur mühsam aufstöbern zu können, dass sie fast ins Stottern gerät.
"Ich schaue mich nur so um..."
"Gerne. Mehr Büroschuhe, Freizeit ?"
"Büro" stößt Frau Berger völlig überrumpelt hervor. Warum eigentlich nicht Freizeit ? Und warum ist sie nicht zu den Hosen gegangen ?
Ein prüfender Blick von Frau Li nach unten. "Größe 36 ?" Frau Berger nickt nur.
Die Verkäuferin eilt davon. Frau Berger stößt einen Seufzer aus. Eigentlich wollte sie nach der Arbeit nur mal entspannen, und das kann sie nun mal am besten beim ungestörten Shoppen - auch wenn sie dann meistens gar nichts kauft. In der Ferne sieht sie Frau Li langsam ein Schuhregal entlang gehen und dabei das Ohr an die Schuhe halten. Vorsichtig nähert sie sich um eine Regalreihe. Da sieht sie dass die Verkäuferin auch redet, über die Schuhe streicht. Fasziniert schaut sie zu, wendet sich dann aber doch ab und schlendert durch die Regale, kann sich aber wie immer nicht auf die Ware konzentrieren. Die Gänge zwischen den verlockend dargebotenen Kleidungsstücken sind ihre Kreuzgänge kommt ihr in den Sinn, ihr Klostergarten.
Am Ende der Regalreihe steht plötzlich wieder Frau Li vor ihr, und passt als asiatischer Mönch in ihren Tagtraum.
"Ich habe die perfekten Schuhe für Sie gefunden. Probieren Sie doch mal !"
Frau Berger purzelt in das Jetzt zurück und will erst spontan ablehnen. Aber die Schuhe sehen wirklich toll aus. Hat sie nicht solche Schuhe gesucht ? Nein. Aber hätte sie nicht gerne solche Schuhe gesucht wenn Sie gewusst hätte dass sie genau diese will ? Während sie versucht ihre Gedanken zu ordnen zieht sie die Schuhe an. Sie passen perfekt, sind angenehm. Jetzt nur nicht in den Spiegel schauen...
"Kommen Sie hier her, schauen Sie in den Spiegel. Die Schuhe passen wunderbar zu Ihnen !"
Frau Berger seufzt. Sie sieht es kommen. Die Schuhe passen wirklich in Farbton und Form, sehen anders aus als ihre üblichen Modelle, treffen aber ihren Typ viel besser.
Während Frau Li die neuen Schuhe in einen Karton verpackt frage Frau Berger bewundernd: "Haben Sie geahnt dass diese Schuhe so gut zu mir passen ?"
"Ich bin da nicht sehr begabt" flüstert Frau Li und zwinkert ihrer Kundin verschwörerisch zu. "Ich habe die Schuhe gefragt welches Paar gerne mit ihnen mitgehen will."
Frau Berger nickt und weiß nicht was sie antworten soll. Mit einem vielen Dank geht sie Richtung Kasse.
Am Absatz der Rolltreppe schaut sie sich nochmal um und sieht Frau Li bereits über Winterstiefel gebeugt. Im Abwärtsfahren hebt sie die Einkaufstüte hoch: "Jetz fahren wir erstmal zu mir nach Hause".

Dienstag, Oktober 17, 2006

Kommt ein Stöckchen geflogen

Eine immer wieder beliebte Beschäftigung unter Bloggern ist ja das Stöckchen zuwerfen. Gerade noch das von Frau Samoafex von Wien aus geworfene Stöckchen entdeckt:

Fünf Dinge, die ich nicht habe, aber gerne hätte
1. Mehr Freizeit für die zu vielen Interessen.
2. Ein Häuschen in Südfrankreich.
3. Ein besseres Gedächtnis bezüglich Filmen und Schauspielern.
4. Bessere Kochfähigkeiten.
5. Eine Superkraft nach Wahl.

Fünf Dinge, die ich habe, aber lieber nicht hätte
1. Einen früh läutenden Wecker.
2. Zuviel Kram im Keller.
3. Eine Abneigung gegen Hitze.
4. Ungeduld.
5. Rückenschmerzen.

Fünf Dinge, die ich nicht habe und auch nicht haben möchte
1. Einen i-Pod.
2. Einen Bart.
3. Kopfweh.
4. Auffällige Klingeltöne.
5. Einen Frack.

Drei (anstatt fünf) Gerngelesene, an die das Stöckchen weiterfliegt
1. Markus Quint
2. MKH
3. Madame Einzelfall (deren Blog hoffentlich wieder zum Leben erwacht)
An Ole und andere ward es bereits geworfen (wenn auch noh nicht aufgehoben)